2015/12/29

Österreichs Soldaten sollen nicht martialisch sein

Vor etlichen Jahren, etwa Mitte der 1980er Jahre, fuhr ich mal mit einem koreanischen Physikerkollegen zu einer Konferenz in Deutschland. Auf der deutschen Autobahn sahen wir einige US-Militärfahrzeuge. Ich machte gegenüber meinem Kollegen eine Bemerkung etwa in der Art: "Die amerikanischen Soldaten sehen immer so kriegsbereit aus". Und in der Tat: die US-Soldaten machten stets den Eindruck einer permanenten Gefechtsbereitschaft. Ich fügte noch hinzu: "Die österreichischen Soldaten wirken weitaus weniger kriegerisch, geschweige denn einsatzbereit."

Die Antwort meines Kollegen lautete: "If soldiers don´t look ready for war, then they are no soldiers."

An diese Gesprächspassage musste ich denken, als ich in der Presse las, dass Österreichs oberster Soldat, also der Generalstabschef, zum besten gab, Österreichs Soldaten an der Grenze sollten "nicht martialisch" sein.

Vielleicht sollte Österreichs Armee ja geschlossen zur Heilsarmee übertreten.

2015/12/27

Bloß keine Umweltverschmutzung!

Auf zerohedge findet sich eine bemerkenswerte Stellungnahme des früheren stellvertretenden CIA-Direktors Michael Morell zum Dauerthema IS. Auf die Frage, warum das lebenswichtige Ölgeschäft des IS nicht von den US-Streitkräften ins Visier genommen wurde, antwortete Morell:
we didn’t want to do environmental damage, and we didn’t want to destroy that infrastructure
Mit anderen Worten: Die USA wollten nicht noch mehr CO2 in die Atmosphäre entweichen lassen...
Künftige Generationen werden der Obama-Administration für die Rettung des Weltklimas dankbar sein, und die Opfer des IS sind dann sowieso schon längst tot.

Alles eine Frage der Prioritäten.

2015/11/23

Schweden boykottiert H&M

Natürlich nicht ganz Schweden, aber immerhin ein Teil der Bevölkerung boykottiert die Handelskette H&M. Hier ist eine Website, auf der zum Boykott bestimmter schwedischer Unternehmen aufgerufen wird.

Das Ganze ist insofern bemerkenswert, als die Skandinavier als recht patriotisch gesehen werden können, zumal wenn es um "ihre" Unternehmen geht. H&M ist ein richtiges schwedisches Urgestein, international tätig und damit Aushängeschild des Landes.

Die genannte Website benennt auch den Grund für den Boykott. Wie nicht anders zu erwarten, will H&M auch die streng gläubige Muslimin erreichen. Ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, nicht nur im arabisch-asiatischen Raum. Da ist es nur folgerichtig, wenn man auf modische Koptücher setzt, denn mit irgendwas muss das Haupt ja verhüllt werden, um den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Die Modekette passt sich hier rasch an.

Keine Ahnung, wie viele Leute dem Boykottaufruf folgen. Bemerkenswert ist an dieser Entwicklung, dass sich die Richtung des Protests umzukehren beginnt. Man erinnere sich, dass während der aufgehetzten Krise um die Mohammed-Karikaturen etliche westliche Unternehmen negative Verkaufseffekte in muslimischen Ländern befürchteten. Eilfertige Ökonomen bezifferten umgehend den wirtschaftlichen Schaden, der aus dieser Krise zu erwarten wäre, inklusive der Arbeitsplatzverluste. Die Quintessenz daraus war: wegen der Mohammed-Karikaturen würden Leute ihren Job verlieren.

Jetzt sieht es so aus, als würde sich das alles umkehren. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Boykottbewegung auch auf andere Länder ausdehnt.

2015/11/15

Das gute Leben

In ihrer letzten Neujahrsansprache hat die deutsche Bundeskanzlerin davon gesprochen, dass es darum gehe, vielen Menschen ein "gutes Leben" zu ermöglichen.
Die Nachrichten der vergangenen Monate gaben uns einen lebhaften Eindruck davon, was man darunter verstehen könnte.
Und ich bin sicher: das Beste kommt erst noch.


2015/10/27

Lügen von Amts wegen oder wenn eine Vergewaltigung keine mehr ist

Vielleicht will man ja auch nur verhindern, dass die "falsche" Seite davon profitiert.
Vielleicht lügt man ja auch nur deswegen, weil der Täter einer aus dem "Welcome refugees"-Märchen ist.

Mehr zu dieser Lüge von Amts wegen hier.




2015/10/10

Kulturen der Lüge (1)

Vor einiger Zeit erzählte mir ein Bekannter folgende Geschichte: Während seiner gesamten Schulzeit habe er seine Mutter angeschwindelt. Immer wenn sie ihn beim Nachhause-Kommen fragte, ob er im Unterricht etwas "gekonnt" hätte, erfand er einfach etwas, um ihre Erwartungshaltung zu befriedigen. Deutsch, English oder Geographie hieß es dann, auch wenn er in Wahrheit den ganzen Tag nichts von sich gegeben hatte.

Das ging wohl über Jahre so. Ohne Probleme. Denn was immer er auch zum Besten gab, die Mutter konnte es ja sowieso nicht überprüfen. So kamen beide auf ihre Rechnung: Die Frau Mama konnte ihre Illusion eines engagierten Schülers pflegen, während er seine Ruhe hatte und sich keine bohrenden Fragen gefallen lassen musste.

So trivial diese Geschichte ist, so entbehrt sie doch nicht einer gewissen Tiefgründigkeit. Denn hier wurde die Wahrheit in kreativer Weise zurecht gebogen, um ein für beide Seiten befriedigendes Ergebnis zu erzielen. Wahrscheinlich lebte die Mutter ja in der Illusion, ein guter Schüler müsse sich gleichsam jeden Tag aktiv in den Unterricht einbringen. Das ist natürlich Unsinn, wie jeder (ehemalige) Schüler aus Erfahrung weiß.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Nun, sie fällt mir immer dann ein, wenn wieder mal ein "Skandal" durch den Mediendschungel rauscht. Und im Moment ist das der VW-Diesel-Skandal. Auch hier offenbart sich ein ähnliches Muster.

Auf der einen Seite die Politik mit ihrem Anspruch, die Menschen vor allen tatsächlichen und eingebildeten Gefahren zu schützen. Diese Politik erlässt Umweltgesetze, weil sie meint, damit dem Wählerwillen (was immer das auch sein soll) zu entsprechen. Und die Autobauer geben sich alle Mühe, den Erfordernissen gerecht zu werden, wobei man natürlich auch eine gewisse Kreativität walten lässt.

Es ist augenscheinlich, dass kleinere Autos weniger Benzin oder Diesel verbrauchen als größere. Wer mehr Masse bewegt, braucht auch entsprechend mehr Energie. So einfach ist Physik. Aber mit der Physik stehen Politiker nicht nur gelegentlich auf Kriegsfuß.

Nachdem deutsche Hersteller eher bei den größeren Typen zu verorten sind, haben ihre Autos tendenziell einen höheren Verbrauch als andere, nicht-deutsche Hersteller. Um die deutschen Produzenten vor dem Ansturm grünen Verbotsdenkens zu bewahren, wurden einfach neue "Konzepte" erfunden, um den Verkauf der beliebten SUVs und anderer Modelle nicht zu gefährden. Das Konzept des "Flottenverbrauchs" ist so ein Konzept. Darauf muss man erst mal kommen. Und schwups waren die deutschen Autobauer wieder im grünen Bereich. Und das obwohl sich faktisch nichts geändert hat.

Auch ich besaß bis vor zwei Jahren einen Golf TDI. Ich bin wirklich froh, dass ich das Ding letztes Jahr verkaufen konnte. Es war ein Klasseauto mit einem hervorragenden und sparsamen Motor. Durchschnittsverbrauch über alle Strecken etwa 5,5 Liter pro 100 km. Selbst gemessen.

Vor ein paar Jahren war ich einmal mit einem Mietauto in Österreich unterwegs, einem Nissan Juke. Das Ding hatte einen wesentlich schwächeren Motor als mein TDI, aber der Durchschnittsverbrauch war - höher. Auch selbst gemessen. Welches ist nun das bessere Auto? Mein ehemaliger TDI, der locker jeden Berg nahm oder der brustschwache Juke, den jede Steigung ins Schwitzen brachte und dabei noch mehr Sprit brauchte?

Aber zurück zum Thema. Die Motorentechnologie hat in den letzten Jahrzehnten in der Tat gewaltige Fortschritte gemacht. Verbrauchswerte sind spürbar zurückgegangen. Und Emissionen detto. Trotzdem muss die grüne Lobby nach wie vor ihr Horroszenario plakatieren. Es wird niemals so sein, dass sie sagt: Wir haben unser Ziel erreicht. Man braucht uns nicht mehr. 

Und die Industrie, nicht nur im Autobereich, sichtbar bemüht, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen, bläst jede Kleinigkeit zur weltrettenden Errungenschaft auf. Ich habe das in etlichen Meetings erlebt. Von da ist es nur mehr ein kleiner Schritt zur kreativen Software, die die Motorenleistung an die Erwartungshaltung der Weltretter anpasst.

Ja, VW hat gelogen. Aber die Frage ist: Hätte VW die Wahrheit überlebt? Man hat etliche Jahre in die Entwicklung eines neuen emissionsfreundlichen Motors investiert, nur um dann festzustellen, dass man die Ziele so nicht erreichen konnte. Hätte man noch ein paar Jahre weiterentwickeln sollen... Vielleicht. Gewiss ist der Erfindergeist der Ingenieure grenzenlos. Aber die Physik zieht ihre eigenen Grenzen.

Dennoch ist es unfair, jetzt nur auf VW einzuprügeln. Denn gerade bei grünen Themen wird oft gelogen, dass sich die Balken biegen: Man sollte sich stattdessen die Frage stellen, wie realistisch grüne Vorgaben überhaupt sein können. Oder glaubt wirklich jemand, dass Deutschland seinen CO2-Ausstoß bis 2050 um 80% reduzieren kann?

Den Entscheidungsträgern bleibt dann nur die Hoffnung, dass sie bis dahin entweder nicht mehr im Amt sind oder sich die Welt dann gerade mit anderen Problemen herumschlägt.

2015/09/17

Italienischer Schinken

Kürzlich kaufte ich in einem Supermarkt in Schweden Schinken, italienischen Schinken. Er schmeckt wirklich besser als die einheimischen Produkte. Deshalb gebe ich dem italienischen den Vorzug.

Als ich auf das Rückenetikett blickte, war ich etwas perplex. Dort stand, das Fleisch stammte von Schweinen, die in Dänemark geschlachtet worden waren. Anschließend wurde es zur Verarbeitung nach Italien gekarrt. Und wieder etwas später kam es in dem Supermarkt in Schweden an.

Der Schinken wanderte also in den verschiedenen Phasen seiner Existenz erstmal mehr als 1000 km südwärts, ehe er zum Zwecke des Verzehrs 2000 km nordwärts verfrachtet wurde.

Komisch, dachte ich. Sind die Dänen nicht in der Lage Schinken herzustellen? OK, es war italienischer Schinken. Aber gibt es in Italien keine Schweine, die sich zu Schinken verarbeiten lassen?

Nun hat also dieses Lebensmittel gefühlte zehnmal mehr Weg zurückgelegt als nötig. Wie ist das möglich? Sind die Transportkosten so gering, dass es darauf nicht ankommt?

Da fällt mir ein: es gibt ja Agrarsubventionen! Richtig, damit sollte es möglich sein, die entsprechenden Mehrkosten einigermaßen, wenn nicht sogar weitgehend, zu kompensieren. Deshalb sei an dieser Stelle allen Steuerzahlern gedankt, die es mir mit ihren Beiträgen ermöglichen, den Tausendmeilenschinken zu vernünftigen Preisen einkaufen zu können.

Doch andererseits wird ja beim Herumkarren der Ladung von Dänemark nach Italien und wieder weiter nach Schweden eine ganze Menge CO2 freigesetzt und damit angeblich das Klima belastet. Ich dachte, der Ausstoß von CO2 sollte drastisch reduziert werden. Der kürzere Weg wäre deutlich klimaschonender, glaubt man der vorherrschenden Weltsicht.

Gar nicht so einfach, die Sache mit dem italienischen Schinken.


2015/09/01

Österreich schmiert ab - in der Forschung

Kürzlich wurde das Shanghai-Ranking der weltbesten Universitäten (hier auch auf deutsch) veröffentlicht. Dabei traten einige für Österreich wenig schmeichelhafte Ergebnisse zu Tage.

Unter den 500 Top-Universitäten befinden sich im diesjährigen Ranking (2015) österreichische Einrichtungen auf folgenden Plätzen:

Uni Wien                      Rang 151-200
Med Uni Wien                       201-300
Uni Innsbruck                        201-300
Med Uni Graz                        401-500
Uni Graz                                401-500
TU Wien                                401-500

Vor zehn Jahren, also 2005, waren die Platzierungen der österreichischen Unis wie folgt:

Uni Wien                        Rang  85
Uni Innsbruck                           203-300
Uni Graz                                   301-400
TU Wien                                   301-400
Med Uni Graz                           401-500
Med Uni Innsbruck                   401-500

Eindrucksvoller kann man das "Absandeln" Österreichs in der Wissenschaft gar nicht beschreiben. Alle österreichischen Unis, die im Ranking von 2005 vertreten waren, haben zehn Jahre später deutlich schlechtere Ränge. Einzig die Med Uni Wien konnte einen Platz in den besten 500 ergattern, den sie vorher nicht hatte. Alle anderen verloren gegenüber den früheren Ergebnissen.

Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, genügt ein Blick auf vergleichbare Länder, um das wahre Ausmaß des alpenländischen Rückstands ermessen zu können. Hier ein paar Fakten aus dem 2015er Ranking:

Schweden                              3 Unis in den Top 100
Schweiz                                 4 Unis in den Top 100
Belgien                                  2 Unis in den Top 100
Dänemark                              2 Unis in den Top 100
Niederlande                           4 Unis in den Top 100

Österreich vergleicht sich ja gerne mit Schweden. Unimaßig können wir denen allerdings nicht das Wasser reichen. Selbst das kleine Dänemark hängt die Alpenländler locker ab. Von der Schweiz zu reden verbietet sich fast von selbst. Das einzige, wo die Österreicher die Eidgenossen übertrumpfen, ist vermutlich der Sozialetat.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde in Österreich das Wissenschaftsministerium aufgelöst und seine Agenden in das Wirtschaftsministerium integriert. Dieser Schritt allein zeigt, welchen Stellenwert Forschung in diesem Land hat. Darüber kann auch das kürzlich öffentlich inszenierte Gezerre um den österreichischen Genetiker Josef Penninger nicht hinwegtäuschen. Damit sollte wohl der unbedarften Öffentlichkeit suggeriert werden, dass sich selbst (wissenschaftlich völlig unbedarfte) Politiker um das Wohl der österreichischen Foschungslandschaft zu kümmern wissen.

Das Shanghai-Ranking widerlegt solchen medial unterstützten Populismus eindrucksvoll. Bleibt nur noch die Frage, welche Partei in den vergangenen zehn Jahren für Wissenschaftspolitik zuständig war.





2015/08/31

Zitat der Woche

"Mein Haus betreten Menschen, die mir nahestehen."

Thilo Sarrazin auf die Frage "Würden Sie Flüchtlinge bei sich aufnehmen?"

Mehr ist dazu wirklich nicht zu sagen. Mehr dazu hier. Lesenswert.

2015/07/20

Müssen die Griechen den Deutschen dankbar sein?

Auf Zettels Raum findet sich eine lesenswerte Betrachtung über Dankbarkeit, insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland nach dem jüngst in letzter Minute abgewendeten Staatsbankrott des Balkanstaates. Der Autor jenes Postings meint, die Griechen hätten durchaus Grund, dem größten Nettozahler gegenüber dankbar zu sein dafür, dass wieder einmal das Portmonnaie aufgemacht und ein noch schlimmeres Szenario vermieden wird.

Doch die Griechen zeigen sich alles andere als dankbar. Warum ist das so?

Ich meine, die Sache lässt sich folgendermaßen erklären. Nehmen wir mal an, ein verheerendes Erdbeen hätte Griechenland heimgesucht. Hunderte, ja Tausende Todesopfer wäre zu beklagen. Deutschland hätte umfangreiche Rettungskräfte entsandt, um seinem europäischen Nachbarn in der Stunde größter Not beizustehen. Es versteht sich von selbst, dass die vom Schicksal geschundenen Griechen dankbar wären.

Jedoch in der aktuellen Situation stehen die Dinge anders. Ganz anders. Deutschland wird nicht als Retter in höchster Not wahrgenommen, auch wenn man das durchaus so sehen kann (und sollte). Im Gegenteil, viele (allzu viele?) Griechen sehen die Deutschen als Zuchtmeister, die nichts anders im Sinn haben, als die "Südländer" zu bevormunden und drangsalieren. Der wahre Grund für die selbstverschuldete griechische Misere wird hingegen allzu oft ausgeblendet, auch als politischem Kalkül. In dieser Sichtweise ist kein Platz für Dankbarkeit.

Und so wird man wohl vergeblich auf ein Zeichen der Dankbarkeit warten.

2015/05/13

Österreich in der Nussschale

So in etwa kann man sich den Österreichischen Skiverband (ÖSV) vorstellen. Da gibt es auf der einen Seite ein paar Leistungsträger, die sich abmühen, um Erfolge einzufahren. Auch unter Einsatz ihrer Gesundheit. Ist schon klar, sie machen das freiwillig. Niemand wird gezwungen, einen steilen Hang hinunterzufahren.

Auf der anderen Seite sitzt eine Funktionärskaste, die meint, sich die Erfolge der Rennläufer unter den Nagel reißen zu müssen. In Wahrheit machen sie das nur, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Denn ohne die erfolgreichen Athleten wären die Funktionäre das, was sie eigentlich sind - nichts. Denn eines ist klar: die Topathleten sind auch gut ohne das Funktionärswesen, das in Grunde genommen aus aufgeblasenen Wichtigtuern besteht, deren oberste Reihe sich am liebsten in den Medien sonnt. Die Funktionäre verdanken den Sportlern viel mehr als umgekehrt. Aber welcher Funktionär ist schon so ehrlich, sich das einzugestehen?

Dieses Dilemma wird im aktuellen Fall der Anna Fenninger offensichtlich. Hier die Toprennläuferin, der wir es (zusammen mit Marcel Hirscher) zu verdanken haben, dass Österreichs Bilanz bei der letzten Weltmeisterschaft nicht absolut vernichtend ausgefallen ist. Dort die sich selbst beweihräuchernde Funktionärs"elite", die nichts außer heiße Luft produziert.

Warum ich mit einem so sportlichen Thema befasse, obwohl das eigentlich nicht mein Schwerpunkt ist? Nun, weil diese Situation ein klarer Spiegel der österreichischen Verhältnisse ist. Auch hier gibt es, auf staatlicher Ebene, eine überbordende, sich selbst beweihräuchernde Funktionärskaste, überwiegend angesiedelt im Kammerunwesen, das sich aus Zwangsabgaben finanziert und einer demokratischen Kontrolle weitgehend entzogen ist. Auch hier wäre es an der Zeit, dass die Leistungsträger, also jene, die diese Funktionärskapazunder am Leben erhalten (müssen), endlich mal sagen, wo der Bartl den Most herholt.


2015/03/06

Betrachtungen über Zinsen und Risiken

Es gibt Leute, die Geld haben, und solche, die Geld brauchen. Auf diese Weise kommt der Geldverleih zustande. Doch ist es üblicherweise nicht damit getan, dass der Gläubiger dem Schuldner eine Summe, sagen wir 1000 Larifari, zur Verfügung stellt und dann im guten Glauben darauf vertraut, den verliehenen Betrag wieder zurückzubekommen. Denn allzu oft ist der Schuldner nicht in der Lage den Betrag ganz oder wenigstens teilweise oder auch nur innerhalb der gesetzten Frist zurückzuzahlen.

Der Gläubiger fordern deswegen einen Zins, um sich gegen ein Ausfallrisiko abzusichern. Und die Höhe des Zinses ist üblicherweise an die Kreditwürdigkeit (Bonität) des Schuldner gebunden. Einem unsicheren Geschäftspartner wird ein höherer Zins abverlangt. Zumindest in freien Gesellschaften, wo Bürger ohne Einflussnahme Dritter Verträge nach eigenem Ermessen abschließen können, ist das so.

Der Zins reflektiert jedoch nicht nur die Qualität des Schuldners, sondern auch den erwarteten Verfall des Geldwertes, also das, was unter dem etwas schwammigen Begriff der Inflation daherkommt. Denn der Gläubiger will sicherstellen, dass er von dem zurückbekommenem Geld den gleichen Gegenwert an Gütern erwerben kann wie beim Abschluss des Geschäftes.

Es sind also zwei Faktoren, Ausfallrisiko und Geldentwertung, die durch den (positiven) Zins abgebildet werden. Die beiden Faktoren haben eine durchaus unterschiedliche Qualität. Denn das Ausfallrisiko hängt wesentlich mit der Persönlichkeit des Schuldners zusammen, während die Geldentwertung die wirtschaftliche Entwicklung reflektiert.

Bis in die jüngste Vergangenheit waren positive Zinsen der absolute Standard. Es galt als ausgemacht, dass das Geld sukzessive an Wert einbüßt, und schon allein deswegen mussten die Zinsen positiv sein. Und die Kreditwürdigkeit des Schuldners tat noch ein übriges.

Nun kann der Fall eintreten, dass sich die Geldentwertung allmählich abschwächt und schließlich ganz verschwindet. Zumindest kann dies so aussehen, wenn die Preise unverändert bleiben, auch wenn bestimmte Akteure Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpen. In diesem Fall bräuchte man keinen Zins mehr, um den Verfall des Geldwertes auszugleichen.

Es soll in der Geschichte Perioden gegeben haben, wo es praktisch keine Inflation gab. Diese Perioden besaßen auch keinerlei wirtschaftliche Dynamik. Dennoch nahmen die Geldverleiher positive Zinsen. Wegen der Ausfallrisiken.

Inzwischen hat sich das Rad der Finanzmathematik weiter gedreht, und negative Zinsen werden immer beliebter. Für das Verhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner bedeutet das, dass der Gläubiger nach Ablauf der Kreditfrist weniger Geld zurückbekommt, als er dem Schuldner ausgeliehen hat. In einem Szenario mit sinkenden Preisen hat das eine gewisse Plausibilität. Denn wenn die Kaufkraft der beiden Geldbeträge am Anfang und Ende der Kreditlaufzeit dieselbe ist, hat der Gläubiger faktisch keinen Nachteil erlitten. Konkret gesprochen: Wenn die Kaufkraft von 1000 Larifari am Beginn eines Jahres dieselbe ist wie jene von 900 Larifari am Ende des Jahres.

Das Bemerkenswerte an den negativen Zinsen ist nun, dass hierbei die Ausfallrisiken nicht entsprechend gewürdigt werden. Es sei denn, man ginge davon aus, dass OHNE die Ausfallrisiken die Zinsen noch stärker negativ sein müssten, was eine gewisse Plausibilität hätte.

Eine Ungereimtheit bleibt dennoch. Wenn man, auch bei einem deflationären Szenario, am Ende weniger in der Tasche hat als am Beginn (bei gleicher Kaufkraft, wohlgemerkt), warum würde dann jemand nicht einfach auf seinem Geld sitzen bleiben und es nicht verleihen? Schließlich hätte er in diesem Fall am Ende des Jahres mehr Kaufkraft als zu Jahresanfang. In einem deflationären Umfeld bei negativen Zinsen Geld zu verleihen, ist in dieser Betrachtungsweise schon ein bisschen spinnig.

Was aber, wenn es auf der einen Seite eine (vermeintliche) Deflation mit negativen Kreditzinsen gibt, während auf der anderen Seite die Preise bestimmter Güter, die nicht in der offiziellen Inflation erfasst werden, anziehen (asset inflation)? Dann würde nur noch ein Verrückter sein Geld verleihen. Denn der Erwerb von Vermögenswerten (assets) würde potentiellen Gläubiger viel reicher machen als die Vergabe von Krediten zu negativen Zinsen.




2015/02/08

Die Journaille oder der kreative Umgang mit Fakten

Das Handelsblatt berichtet über den erwarteten Rücktritt des Australischen Premierministers Tony Abbott. Der Artikel insinuiert, dass dies mit Abbotts Klimaskepsis zu tun habe. Wörtlich heißt es dazu:
Australiens Premier Tony Abbott bezweifelt, dass der Klimawandel von Menschen verursacht ist. Das könnte ihm jetzt seinen Posten kosten.
Eine klare Botschaft. Sicherheitshalber wollen wir mal nachsehen, was die englischsprachigen Medien dazu sagen. Auf BBC News liest sich das dann folgendermaßen:
Mr Abbott has faced criticism in recent weeks for giving an Australian knighthood to Prince Philip.
His party also lost recent elections in Queensland, with some voters believing the prime minister had failed to make good on his election promises.
Eine Ehrung für Prince Philip und verlorene Provinzwahlen bilden also das Gemisch, aus dem der potentielle Schleudersitz für den australischen Premier gebastelt wird. Von Klimaskepsis als Ursache für den Vertrauensverlust ist jedenfalls nicht die Rede.

Auch die kanadische CBC News berichtet über den Fall und schreibt:
Abbott has faced a torrent of criticism in recent weeks over policy decisions ranging from his handling of the economy to awarding an Australian knighthood to Queen Elizabeth's husband, Prince Philip.
Alles in allem klingt das völlig anders als das, was das Handelsblatt zu berichten weiß. Da fragt man sich, woher die bloß ihre Informationen haben.

Es sieht so aus, als pflegte der Handelsblatt-Redakteur einen etwas, sagen wir mal, kreativen Umgang mit der Wahrheit.

Da fällt mir ein, dass unlängst häufig der Begriff "Lügenpresse" durch die Lande zog. Von der Verwendung eines derartigen, historisch belasteten Begriffs wollen wir hier natürlich absehen. Ich halte mich stattdessen an meinen hochverehrten Karl Kraus, der die Wortschöpfung Journaille ins Leben rief. Passt doch ganz gut.





2015/01/29

Jobs für IS-Heimkehrer in Schweden

Die schwedischen Eliten machen sich Gedanken darüber, wie sie "ihren" IS-Heimkehrern nach all den Strapazen und "Heldentaten" fern der Heimat die Rückkehr versüßen könnten. Ein Soldat der schwedischen Armee, der am Hindukusch die Freiheit u.a. Deutschlands verteidigt hat, schreibt dazu:
"I read that Mona Sahlin together with other Swedish political leaders are anxious to take care of Swedish IS-warriors coming home from being involved in Syria, with specially designed programs for work and other issues that would make them function well in our society."
Mona Sahlin ist die ehemalige Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, die immer schon Vorreiter bei der Integration Schwedens in ein neues Zeitalter war.

Dabei ist alles so gut gemeint. Ein Job für die ehemaligen IS-Recken, ein paar Sozialarbeiter, eine verständnisvolle Gemeinschaft, die ihre verlorenen Schafe mit offenen Armen aufnimmt - und schon werden aus Terrorsympathisanten die friedlichsten Zeitgenossen. So einfach kann die Welt sein. Wenn man nur will.
Warum sind wir da bloß nicht früher darauf gekommen?


2015/01/28

Wenn Wissenschaft irrt - Vorhersagen

Diese Woche war es wieder mal so weit: Eine Prognose, basierend auf wissenschaftlichen Modellen, lag meilenweit daneben. Der historische Blizzard Juno, der New York unter sich begraben sollte, ist ausgeblieben. Dabei war der Vorhersagehorizont sehr knapp, wie bei einer Wettervorhersage üblich. Laut SPON wurden bis zu 90 cm Neuschnee erwartet. Tausende Flüge wurden gestrichen, die New Yorker U-Bahn erstmals in ihrer Geschichte wegen Schnees eingestellt.

Doch es gibt keinen Grund zur Häme. Der Schneesturm kam tatsächlich, nur eben nicht ganz so dramatisch wie erwartet. Das liegt nun mal in der Vorhersage komplexer Phänomene. Das Wetter ist ein solches, und jede Prognose, die über fünf Tage hinaus geht, ist so sicher wie das Werfen einer Münze. Daran ändern auch die besten Computermodelle nichts.

Nun ging es in diesem Fall um einen deutlich kürzeren Zeitraum. Und trotzdem stimmte die Sache nicht. Jedenfalls nicht ganz. Dabei sollten wir uns vor Augen halten, dass selbst eine Prognose mit 90% iger Sicherheit immer noch keine 100% ige Gewissheit verheißt. Denn zu 10% trifft die Prognose eben nicht zu. Und über Einzelereignisse macht die Statistik streng genommen keine Aussagen.

Aber was bedeutet es, wenn ein Ereignis (wie etwa ein Schneesturm) mit 90% iger Wahrscheinlichkeit eintritt? Intuitiv würde man meinen, dass dieses Ereignis in 90 von 100 gleichgelagerten Fällen eintreten wird. Doch streng genommen gilt das nicht. Stellen wir uns dazu die Wetterkonstellation von Juno in 100 facher Ausführung vor. Also 100 mal exakt dieselbe Wetterlage wie zur Zeit von Junos Prognose. Dann würde der Normalverbraucher schlussfolgern, dass in 90 der 100 Szenarien alles genauso kommt, wie vorhergesagt.

Was aber, wenn "es" dann doch nur in, sagen wir, 78 Fällen so kommt. Müssen wir dann, sozusagen retrospektiv, die Wahrscheinlichkeit für Juno von 90 auf 78% reduzieren? Nein, müssen wir nicht. Stellen wir uns vor, eine andere Forschergruppe hätte sich ebenfalls dieselben 100 Szenarien vorgenommen und herausgefunden, dass die Vorhersage in 93 Fällen richtig war. Also doch eher 93%?

Streng genommen reicht es nicht aus, nur 100 identische Fälle zu betrachten. Um eine exakte Wahrscheinlichkeit zu erhalten, müssen wir eine Vielzahl dieser 100 identischen Fälle unter die Lupe nehmen. Nehmen wir der Einfachheit halber an, wir hätten in unserem irdischen Labor N Boxen aufgebaut, die jeweils 100 identische Juno-Szenarien enthalten. Die positiven Ergebnisse aus den Boxen sind dann wie folgt:

Box 1                 78
Box 2                 93
Box 3                 84
....
Box N                 91

Wenn wir dann den Mittelwert aus diesen N positiven Resultaten bilden, erhalten wir die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines bestimmten Ereignisses (z. B. Blizzard mit 90 cm Neuschnee in New York). Und wenn dieser Mittelwert 90 beträgt, dann haben wir es mit einer Wahrscheinlichkeit von 90% zu tun.

Wenn also ein als fast sicher vorhergesagtes Ereignis ausgeblieben ist, dann bedeutet das nicht notwendigerweise, dass das entsprechende wissenschaftliche Modell Unfug ist. Vielmehr sollten wir unsere Erwartungen an das anpassen, was Wahrscheinlichkeiten leisten können. Und genau das ist wohl der schwierigste Teil im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten.





2015/01/19

Ein Sozialvergleich - Zusatzinfo

Mein letztes Posting zum Thema Sozialsysteme in Belgien und Österreich verdient noch einen kleinen Zusatz, den ich einem Leserhinweis verdanke.

Man stelle sich Folgendes vor: Eine Internetseite mit dem Bild eines lachenden Rentners. Daneben steht folgender Text: Wenn die Rente nicht reicht.

Skurriler geht es kaum. Und wenn der Leser jetzt meint, so etwas gäbe es nur in der Satire, so sei ihm (oder ihr) gesagt: Das ist durchaus ernst gemeint. Schauen Sie mal hier. Das ist der Webseite der Deutschen Rentenversicherung. Wer solche Medienberater hat, den haut nichts mehr um.

Aber es geht noch besser. Auf dieser Internetseite geht es um die Grundsicherung für deutsche Rentner, die dann greifen soll, wenn jemand mit seiner "schmalen Rente" nicht zurecht kommt. Einen Anspruch auf Grundsicherung prüfen lassen kann jeder, dessen monatliches Einkommen im Schnitt unter 758 Euro liegt.

Das liegt nochmal deutlich unter den gut 800 Euro, die man in Belgien für Nichtstun (schon vor der Rente) kriegt.


2015/01/17

Ein Sozialvergleich

In Belgien bekommt jeder, der das 18. Lebensjahr vollendet und keine Einkünfte hat, Sozialhilfe. Und zwar zeitlich unbegrenzt. Die Höhe des Sozialhilfesatzes beträgt für Alleinstehende 801,34 EUR.

Zum Vergleich: In Österreich beträgt der Ausgleichszulagenrichtsatz für alleinstehende Pensionisten 872,31 EUR. Der Begriff Ausgleichszulagenrichtsatz bedeutet folgendes: Wer nach einem arbeitsreichen Leben weniger Pension als den genannten Betrag bekommt, hat Anspruch auf eine Ausgleichszulage. Der Richtsatz firmiert somit gleichsam als eine Art "Grundeinkommen" für Pensionsbezieher.

Österreich und Belgien sind von ihrer Wirtschaftsleistung her durchaus vergleichbare Länder. Es ist also nicht so, dass man ein hochentwickeltes Land mit einem weniger entwickelten vergleichen würde. Siehe hier.

Mit anderen Worten: Jemand, der in Österreich sein ganzes Leben unter schwierigen Bedingungen gearbeitet hat, bekommt um 71 EUR mehr im Monat als jemand, der in Belgien die Schule ohne Abschluss verlassen hat und ohne Job dasteht. Wenn wir weiters eine 40-jährige Arbeitstätigkeit unterstellen, so schlägt jedes Arbeitsjahr mit etwas weniger als 2 Euro monatlich zu Buche. Ich erspare es mir, diesen Betrag den geleisteten Arbeitsstunden gegenüber zu stellen.

Es bleibt dem Leser überlassen, zu entscheiden, wer von beiden besser dasteht.

2015/01/08

Durch nichts zu rechtfertigen...

Auf der Achse des Guten habe ich den Text einer Erklärung des deutschen Bundesinnenministers zur gestrigen Mordorgie in Paris gefunden. In perfekt durchgestyltem Politsprech heißt es darin unter anderem:

Der schreckliche Anschlag ist durch nichts zu rechtfertigen. 

Irgendwie kommt mir vor, ich hätte solche oder ähnliche Formulierungen schon mal bei anderer Gelegenheit und aus dem Mund anderer Politiker gehört. Aber vielleicht täuscht mich ja mein Gedächtnis. Die Bluttat ist also "durch nichts zu rechtfertigen". Klingt plausibel, lässt aber die Möglichkeit offen, dass es andere Anschläge geben könnte, die durch was auch immer gerechtfertigt werden könnten.

Es wäre nun interessant zu wissen, in welchen Fällen ein Anschlag, bei dem etliche Menschen zu Tode kommen, zu rechtfertigen sei.

2015/01/02

Energie sparen für Dummies (4)

Kürzlich berichtete die Wirtschaftswoche über Bemühungen, die Energieeffizienz in Deutschland zu steigern. Die Wärmedämmung von Häusern ist hierbei ein Dauerbrenner. Angeblich lassen sich so viele Millionen Megawattstunden (MWh) an Energie einsparen.

Energie zu sparen ist, ich wiederhole mich, eine feine Sache. Allerdings sollte man bei diesem Thema das Oberstübchen nicht ganz ausschalten, selbst dann nicht, wenn es um die vermeintliche Rettung des Planeten geht. Aber leider ist gerade das bei diesem Thema oft, allzu oft der Fall. Da wird permanent das hohe Lied des Dämmens gesungen, ohne dass Sinn und Verstand zum Zug kämen.

Besonders bemerkenswert ist folgende Passage aus dem Artikel:
In den vergangenen Jahren wurden pro Jahr nur noch 0,8 Prozent der Wohngebäude saniert. Es würde also 125 Jahre dauern, den gesamten Gebäudebestand auf den modernsten Stand zu bringen.
Rein mathematisch gesehen, ist diese Aussage richtig. Allerdings wird hierbei unterstellt, dass wir gleichsam am Nullpunkt stehen, also kein einziges Haus dem modernsten Stand der Technik entspricht.  Dann, und nur dann würde es genau 125 Jahre dauern, bis alle Gebäude saniert wären. Das ist natürlich Quatsch. Der Autor selbst sagt ja (im ersten Satz), dass in den vergangenen Jahren (nur noch) 0,8 % der Wohngebäude saniert worden seien. Also gibt es bereits einen Bestand an sanierten Häusern. Ebenso entsprechen Neubauten dem Stand der Technik. Der tatsächliche Sanierungsbedarf ist also mit Sicherheit deutlich kleiner als 100 %. Von 125 Jahren kann also beim besten Willen keine Rede sein. Wieviel Prozent der Bausubstanz sanierungsfähig wären, sagt der Autor nicht. Gerade das wäre aber interessant zu wissen, und vor allem auch wie hoch das Einsparpotenzial ist.

Es ist unbestritten, dass energetisch gesehen, die Gebäudedämmung zu einer Verringerung des Verbrauchs führt. Allerdings nur bei zu einem gewissen Punkt. Denn ein Gebäude, das keine Luftzirkulation zulässt, wird sozusagen "ersticken". Man muss dann eine Ventilation (mit Wärmerückgewinnung) einbauen, damit das Haus (oder die Wohnung) mit Frischluft versorgt wird. Nun, die Ventilation benötigt eine Pumpe, die ihrerseits wieder mit Strom betrieben wird. Mit anderen Worten: Ein Teil dessen, was an Heizenergie gespart wird, geht durch den Betrieb der Ventilation verloren. Auch die viel gepriesene Wärmerückgewinnung ist, nüchtern betrachtet, kaum mehr als der Tropfen auf seinem heißen Stein. In einer kalten Winternacht kann es in Mitteleuropa schon  mal auf minus 20 Grad runter gehen. Die von der Lüftung angesagte Außenluft wird im Wärmetauscher von der warmen Innenluft angewärmt. Unterstellen wir, dass der Wärmeaustausch zu 100 % effizient ist, was in der Praxis nie der Fall ist. Dann wird bei einer Innentemperatur von 20 Grad die eingesogene Luft auf Null Grad erwärmt, bevor sie in die Wohnung strömt.

Dazu kommt ein Effekt, den ich aus eigener Erfahrung kenne. In extrem gut gedämmten Häusern ist im Winter die Luft sehr trocken. Der Grund: Die kalte Außenluft hat nur eine sehr kleine absolute Luftfeuchtigkeit. Sobald diese Umgebungsluft durch die Ventilation ins Innere strömt, erwärmt sie sich (man will ja nicht bei Temperaturen um null Grad in der Wohnung sitzen) und die relative  Luftfeuchtigkeit sinkt. Und zwar mitunter auf Werte, die nicht der Gesundheit zuträglich sind (unter 10%). Außerdem ist das dem subjektiven Raumklima abträglich.

Um dem abzuhelfen, benötigt man einen Luftbefeuchter, der natürlich auch Energie frisst. Je nach Größe des Hauses und der gewünschten Stärke der Luftzirkulation, kann man den extra Energieverbrauch zu etwa 400 kWh (als untere Grenze) abschätzen. Wenn in mehr als einem Raum die Luft befeuchtet werden muss, dann ist der zusätzliche Stromverbrauch entsprechend höher anzusetzen.

Interessant ist es, diesen Extraverbrauch, der vor allem durch extrem gut isolierende Fenster verursacht wird, einer anderen Art von Stromfressern gegenüber zu stellen: dem Standby-Betrieb von Elektrogeräten. Folgt man der Darstellung auf der Webseite Energiesparen im Haushalt, so können sich die stillen Stromfresser zu einer Gesamtleistung von bis zu 68 Watt aufaddieren. Dem würde ein Jahresverbrauch von knapp 600 kWh entsprechen.

Mit anderen Worten: Was man durch die Eliminierung des Standby-Betriebs auf der einen Seite einspart, verliert man auf der anderen durch Maßnahmen, die durch Wärmedämmung und gut isolierende Fenster erst notwendig werden.