2014/03/19

Eine neue Studie zum Energiesparen

Und wieder wird eine Sau durchs digitale Dorf getrieben. SPON berichtet von einer Studie, die behauptet, dass sich in den nächsten 20 Jahren (genauer: bis 2035) durch eine höhere Energieeffizienz insgesamt bis zu 20 Milliarden Euro einsparen ließen.

Studie, das klingt nach seriöser, wissenschaftlicher Vorgangsweise, durchgeführt von unbestechlichen Experten. Aber Studien werden auch oft mit einem Hintergedanken erstellt, um gewisse Aspekte der Welt hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken. Mit anderen Worten: nicht jedes Ding, das unter dem Titel Studie daherkommt, ist tatsächlich so unabhängig und objektiv, wie es der Name suggeriert.

Ganz nüchtern betrachtet, müsste jede Studie in der Tat völlig ergebnisoffen sein. Denn schließlich wagt man sich in Bereiche vor, die man noch nicht kennt. Und da ist bekanntlich vieles möglich. So ist es also nicht auszuschließen, dass eine Studie zum Energiesparen ergäbe, dass es hierfür praktisch kein weiteres Potenzial mehr gibt. Aber Nullergebnisse dieser Art sind nicht besonders beliebt, insbesondere wenn der Auftraggeber anderes im Sinn hat.Und wer würde schon für ein Ergebnis bezahlen wollen, das den eigenen Erwartungen widerspricht?

Überhaupt sollte man sich von Studien, so seriös sie auch daherkommen mögen, nicht ins Bockshorn jagen lassen. Seit Jahrzehnten versuchen Heerscharen von Wirtschaftswissenschaftlern mit immer ausgefeilteren Methoden und Hochleistungscomputern die wirtschaftliche Entwicklung für ein Jahr vorherzusagen - mit Ergebnissen, die man bestenfalls als dürftig bezeichnen kann. Wie muss es sich dann erst mit Prognosen verhalten, die Jahrzehnte in die Zukunft blicken und außerdem, verglichen mit den Ökonomen, eine deutlich geringere empirische Basis haben. Also ruhig Blut ist angesagt, wenn es wieder mal darum geht, den Zustand der Welt im Jahre 2035 zu erraten, denn um nichts anderes geht es in den allermeisten Studien.

In vielen dieser Untersuchungen geht es um Geld, so auch hier. Und wenn es um Geld geht, beeindrucken vor allem die großen Zahlen. Deshalb werfen viele Studien mit Milliarden nur so um sich. Und weil es sich um so große Beträge handelt, die auch der fließigste Bürger (von Einzelfällen abgesehen) niemals in seinem Leben erwirtschaften kann, lassen wir uns davon beeindrucken, mitunter auch einschüchtern.

Doch alles relativiert sich, sobald wir Milliarden mit Milliarden vergleichen. Der SPON-Artikel suggeriert, dass dieses gewaltige Einsparpotenzial den Anstieg des Strompreises, der in erster Linie auf die Ökostrom-Umlage zurückzuführen ist, "nicht nur bremsen, sondern sogar umkehren" könnte. Spätenstens hier ist der letzte schläfrige Leser aufgewacht, denn diese Aussichten wären ja zu schön, um wahr zu sein.

Die Ökostrum-Umlage, jener berüchtige Preistreiber, soll also de facto unschädlich gemacht werden. Nun gut, sehen wir uns mal diese Umlage etwas genauer an. Sie wird in dem neuesten Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation 2014 eingehend unter die Lupe genommen (Seite 51 des Gutachtens). Wenn man die dort aufgelisteten Zahlen zusammenzählt, dann ergbit sich für die gesamten geleisteten Vergütungszahlungen nach dem EEG (von 2000 bis 2013) die stolze Summe von fast 123 Milliarden EUR. Der Trend dieser Vergütungszahlungen war in all diesen Jahren stark steigend, und ich persönlich würde in absehbarer Zeit nicht mit einem rückläufigen Trend rechnen. Es wird also bis zum Jahr 2035, das Referenzjahr der Studie, noch einiges an Vergütungen nach dem EEG hinzukommen.

Aber stellen wir uns mal ganz dumm, und nehmen wir an, dass ab 2014 keine Ökostromvergütungen mehr ausgezahlt werden. Selbst unter dieser ganz unrealistischen Annahme würden die Einsparungen nur etwa 16% der bereits geleisteten EEG-Umlage ausmachen. De facto wird die Umlage jedoch weiterlaufen, sodass sich das Missverhältnis zwischen dem Einsparpotenzial und Ökostrom-Umlage weiter verstärken wird (und zwar zugunsten der letzteren). Allein in den Jahren 2012 und 2013 wurden jeweils mehr als 20 Milliarden EUR für diese Umlage ausgezahlt. Wie man unter diesen Umständen davon reden kann, dass sich der Preisschub sogar umkehren könnte, bleibt das Geheimnis der SPON-Redateurin bzw. der Studienautoren.




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