2012/05/02

Die Angst der Woche - Chlorpyrifos

Eigentlich dauert es noch ein Weilchen - bis zur Sauregurkenzeit. Gleichwohl kann man vor tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahren nicht früh genug warnen. Der Spiegel kommt dieser medialen Verpflichtung geflissentlich nach.

Da haben also Forscher der angesehenen Columbia University in New York herausgefunden, dass das Pestizid Chlorpyrifos bleibende Schäden am Gehirn von Ungeborenen hinterlässt. Bislang, so heißt es auf SpiegelOnline, habe es lediglich Hinweise darauf gegeben, dass diese Substanz schädlich sein könnte. Aber erst jetzt sei der Nachweis gelungen.

Was wurde also herausgefunden? Eine Gruppe von 40 (!) Kindern, deren Mütter stark mit dem Pestizid belastet waren, wurde eingehend untersucht. 20 dieser Kinder waren einer Dosis von 4,39 Pikogramm (pg) Chlorpyrifos pro Gramm Blutserum ausgesetzt. Die übrigen 20 Kinder waren mit deutlich geringeren Werten belastet.

Wie viel ist ein Pikogramm? Sehr wenig, sogar sehr sehr wenig. Genau genommen: ein Millionstel von einem Millionstel Gramm. Also zum Mitschreiben: Sie haben ein Gramm einer Substanz. Davon nehmen Sie den Millionsten Teil, dann haben Sie ein Mikrogramm. Wenn Sie von diesem Mikrogramm nochmals den Millionsten Teil nehmen, landen Sie beim Pikogramm. Das ist in etwa die gegenwärtige Grenze der chemischen Nachweisbarkeit einer Substanz.

Nun hätten die Nachforschungen ergeben, dass Gehirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Emotionen, Impulskontrolle und soziale Beziehungen zuständig seien, "signifikante Anomalien" aufwiesen. Das alles sind Parameter, die sich bekanntlich immer mit enormer Präzision messen lassen. Kann sich in Zukunft jeder Schüler, der im Unterricht wenig aufmerksam ist, auf Chlorpyrifos herausreden? Oder Leute, die Schwierigkeiten mit ihrer Impulskontrolle haben, beispielsweise Amokläufer?

Inwiefern sich die gemessenen "Anomalien" tatsächlich auf diese Parameter auswirken, bleibt indes im Dunkeln. Dazu kommt noch die Größe der Gruppe, die alles andere als vertrauenerweckend ist. Dass sich daraus irgendwelche klaren statistischen Rückschlüsse ziehen lassen, möchte ich stark bezweifeln. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch eine weitere Aussage des Spiegel-Artikels: Da heißt es, die gemessenen Werte der untersuchten Gruppe seinen "eher noch unterdurchschnittlich". Proben einer Blutbank aus Cincinnati hätten einen Durchschnitt von 9,9 pg pro Gramm Serum ergeben, also mehr als das Doppelte. Warum die Forscher aus New York die Fälle aus Cincinnati keiner gründlicheren Analyse unterzogen haben, bleibt deren Geheimnis. Schließlich sollte dort noch um einiges mehr seiner Entdeckung harren.

Obwohl also die Datenbasis dünn, um nicht zu sagen: sehr dünn, ist, wird gleichwohl ein gewaltiges Bedrohungsszenario aufgebaut. So sagt Virginia Rauh, eine der Autorinnen der Studie, die Ergebnisse seien "besorgniserregend". Wenn das schon besorgniserregend ist, was war dann die EHEC-Geschichte vom letzten Jahr, die sich bekanntlich im Milieu der Bio-Landwirtschaft zugetragen hat und mehr als 50 Todesopfer forderte? Das Pestizid sei in der Landwirtschaft noch weit verbreitet, und es könne in die Nahrungskette gelangen. Deshalb habe das Ganze "große Bedeutung für die öffentliche Gesundheit".

Die öffentliche Gesundheit ist also in Gefahr wegen eines Pestizids namens Chlorpyrifos. Die Menschen werden immer älter, die Gesundheit in den jeweiligen Alterskohorten ist heute deutlich besser als vor 50 Jahren. Aber es gibt ja noch Chlorpyrifos.

Es ist die alte Pestizidleier, die hier abgespult wird. Übrigens, jedes Obst und Gemüse steckt voller Pestizide natürlichen Ursprungs, mit denen sich die Pflanzen vor ihren Feinden schützen. Mit unserer Nahrung nehmen wir ein Vielfaches (etwa 10000 mal mehr) an natürlichen Pestiziden als an künstlichen auf, sie können im Einzelfall auch eine deutlich stärkere Giftwirkung haben als die industriell gefertigten. Mehr dazu hier.

Ein völlig giftfreies Leben ist praktisch so gut wie unmöglich. Aber unser Körper ist auch darauf eingerichtet, schädliche Substanzen dingfest und nötigenfalls unschädlich zu machen.

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